Tony Torrilhon
Als ich im Mai 2026 erstmals mehrere Tage im Atelierhaus von Tony Torrilhon in Rheinsberg arbeitete, führte mich jeder geöffnete Schrank, jede Mappe und jede Schublade zu neuen Grafiken und Werkgruppen. Auf Kupferstiche folgten weitere Kupferstiche, dazwischen immer wieder Siebdrucke, Holzschnitte, Ätzungen und Zeichnungen. Hinzu kamen Druckplatten, Zustandsdrucke und Entwürfe.
Während ich diesen druckgrafischen Bestand sichtete, waren die Holzobjekte allgegenwärtig. Sie standen in den Galerieräumen des Hauses, auf dem Dachboden und am Rheinsberger Bollwerk. Nach und nach zeigte sich die Spannweite eines künstlerischen Lebenswerks, das sich über nahezu sieben Jahrzehnte entfaltet hat.
Druckgrafische Werke
Tony Torrilhons druckgrafischer Bestand stellt besondere Anforderungen an seine Erschließung. Anders als bei seinen Holzobjekten, die als Unikate entstanden sind, liegen viele Motive in unterschiedlichen Zuständen und Auflagen vor. Hinzu kommen verschiedene Papiersorten, Farbtöne und Formate, die den Variantenreichtum seines druckgrafischen Schaffens noch vergrößern.
Nach der Neustrukturierung des Gesamtbestandes war zur Vorbereitung des Nachlassverzeichnisses vor allem geboten, aus rund 3.000 Drucken eine repräsentative Auswahl von etwa 300 zu treffen. Berücksichtigt habe ich dabei nicht nur die künstlerische Qualität, sondern auch handschriftliche Notizen auf Blättern, die zusätzliche Einblicke in Entstehung, Datierung und Werkzusammenhänge geben. Erst durch diese Auswahl entsteht ein konzentrierter Überblick, der die Entwicklung des grafischen Werkes über mehrere Jahrzehnte hinweg deutlich macht.
1 Schublade in Tony Torrilhons Werkstatt in Rheinsberg
2 Der Frosch, 1976, Kupferstich auf Büttenpapier, 15 x 12 cm
3 Selbst mit Frau, 1976, Kupferstich auf Büttenpapier, 11,8 x 14,9 cm
Objekte
Ab 1983 wandte sich Tony Torrilhon der Arbeit mit Holz zu. Die Objekte sind von großem erzählerischen Reichtum – geprägt von schwarzem Humor, Selbstironie und einer großen Lust am Absurden. Neben Porträts, Tieren und mythologischen Figuren entstehen Arbeiten, die ebenso spielerisch wie verstörend wirken können: etwa ein aufgeschlitztes Pferd mit freigelegten Eingeweiden oder das filigrane Bildnis von Vincent van Gogh.
4 Tony Torrilhon, Pferd
5 Vincent van Gogh, 1980er Jahre
Gattungen und Motive seines grafischen Werkes begegnen uns auch bei den Holzobjekten wieder. Ein Selbstporträt zeigt den Künstler bei der bildhauerischen Bearbeitung einer Birke. Ähnliche Darstellungen existieren auch als Grafik, in denen er sich als Kupferstecher oder Zeichner porträtiert.
Bislang konnte ich nur einen ersten Eindruck von dem Werkkomplex der Objekte gewinnen. Viele Fragen zu Entstehung, Datierung und Werkzusammenhängen sind noch offen. Während die Arbeiten am Nachlassverzeichnis der Druckgrafik kurz vor Abschluss stehen, wird sich erst in einem nächsten Schritt mit den rund 100 Holzobjekten ein weiterer Werkbereich dieses vielgestaltigen Nachlasses erschließen.
7 Triumph des Stichels, 198o, Kupferstich, 15,4 × 24 cm
8 Selbstporträt, Birkenbaumholz, 1986, Foto: Sarah Frost