Gisela Weimann
Die Arbeit an Gisela Weimanns Werk stellt eine besondere Herausforderung dar. Seit den 1960er Jahren hat die Künstlerin ein immenses Œuvre geschaffen, das mit klassischen Werkbegriffen nicht gefasst werden kann. Viele ihrer Arbeiten entstanden in Form von Performances, ortsbezogenen Installationen, partizipativen Projekten oder langfristigen Kooperationen. Häufig sind es Begegnungen, Gespräche und gemeinsame Erfahrungen, die den Ausgangspunkt ihrer Kunst bilden.
Das Werk von Gisela Weimann manifestiert sich nicht allein in Bildern, Zeichnungen oder Objekten. Viele ihrer Arbeiten entstanden als Aktionen, Performances, Interventionen oder partizipative Projekte. Werke wie Frauen aus einem Mietshaus im Wedding (1978), Oper für vier Busse (2001) oder die Gründung internationaler Frauennetzwerke leben von Begegnungen, Situationen und Prozessen, die oft nur für einen begrenzten Moment existiert haben.
Vieles ist heute nur noch durch Fotografien, Filme, Korrespondenzen, Zeitungsberichte, Tagebücher oder die Erinnerungen der Beteiligten überliefert. Die eigentlichen Ereignisse liegen oft Jahrzehnte zurück, ihre Spuren sind über Archive, Ordner, Festplatten und private Sammlungen verstreut.
Das Ephemere dokumentieren
Flugblatt-Aktion der Europäischen Frauenakademie der Künste und Wissenschaften Berlin-Brandenburg e. V. mit Marjam Azemounum, Friedrichstraße, Berlin, 1995. Die Initiative wurde 1993 von Gisela Weimann und weiteren Künstlerinnen, Kuratorinnen und Kunsthistorikerinnen in Weimanns Atelier gegründet.
Frauen aus einem Mietshaus im Wedding, Gisela K. mit Sohn, Installation mit Zeichnungen, Biografie und Familienfotos, Galerie Happ, Berlin, 1978, Foto: Gisela Weimann
Die Vorbereitung einer digitalen Werkverzeichnung bedeutet nicht nur die Dokumentation einzelner Arbeiten, sondern vor allem die Rekonstruktion ihrer Zusammenhänge. Materialien werden gesichtet, Werkgruppen ausgemacht, Projekte chronologisch eingeordnet und Bezüge zwischen Werken, Dokumenten und biografischen Stationen herausgearbeitet. So entstand erstmals ein umfassender Werküberblick von Gisela Weimann, der die Vielschichtigkeit ihres Werks sichtbar macht und zugleich die Grundlage für einen Förderantrag im Programm KUNSTFONDS_Werkverzeichnung der Stiftung Kunstfonds bildet.
Die eigentliche Werkverzeichnung steht noch aus. Mit der Sichtung, Strukturierung und Zusammenführung der Materialien wurden wesentliche Voraussetzungen geschaffen, um Gisela Weimann Werk künftig digital zu erfassen, wissenschaftlich zu erschließen und für Forschung und Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Still Alive ist der Titel unseres Projekts. Darin die liegt die Natur eines Archivs: nicht als Ort des Verschwindens, sondern als Ort des Weiterlebens.
Viele Arbeiten von Gisela Weimann waren an einen bestimmten Moment, einen bestimmten Ort oder an die Begegnung mit anderen Menschen gebunden. Die Aufführungen sind vergangen, die in situ-Installationen abgebaut, die Situationen nicht wiederholbar. Erhalten geblieben sind Fragmente. Erst in ihrer Zusammenschau entsteht ein Bild, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Die Werkverzeichnung führt diese Fragmente wieder in Beziehung zueinander und bringt ans Licht, was zwischen ihnen liegt. So bleibt das Werk nicht nur erhalten, sondern präsent, dialogfähig und lebendig – offen für neue Lesarten und neue zeitliche wie kulturelle Kontexte.
Gisela Weimann, 2025, Foto: Julie Boserup