Editha Tamms-Linnemann
Nicht immer sind es die Werke allein, die den Zugang zu einem künstlerischen Lebenswerk eröffnen. Im Fall von Editha Tamms-Linnemann waren es auch 44 Tagebücher, die mir wichtige Einblicke in ihr Denken und Arbeiten ermöglichten.
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Die interessantesten Wege zum Verstehen eines Werks führen oft über Quellen, die direkt aus der Hand der Künstlerin stammen. Bei Editha Tamms-Linnemann sind dies Tagebücher aus den Jahren 1993 bis 2010, in denen sie über Jahrzehnte hinweg ihr Denken, ihre Arbeit und ihre Beobachtungen festhält.
Für meine Arbeit am digitalen Werkverzeichnis erwiesen sich diese Aufzeichnungen als wertvolle Primärquellen. Sie halfen mir, Werkgruppen einzuordnen, Datierungen festzulegen, Entstehungskontexte zu verstehen und die Entwicklung einzelner Motive über mehrere Jahrzehnte hinweg nachzuvollziehen.
Beim Lesen der Tagebücher begegnet man einer Künstlerin, die ihre Arbeit mit großer Hingabe verfolgt, manchmal Erfolge und oft Zweifel festhält. Sie beschreibt, wie einzelne Werke über Monate, manchmal über Jahre hinweg entstehen. Ihr Schaffen ist von einer fortwährenden Suche, vom Verwerfen und Weiterdenken geprägt. Neben Notizen zu entstehenden Arbeiten finden sich Einträge zur Berliner Künstlergruppe HAPP, ihrem Lehrer Heinz Hajek-Halke, Günter Grass, mit dem sie befreundet war, ihrem kleinen Garten nahe dem Rathaus Schöneberg, aber auch zu gesellschaftspolitischen und philosophischen Fragen. Viele Motive erscheinen zunächst in den Notizbüchern, bevor sie ihren Weg in Zeichnungen, Grafiken und Gemälde finden. So taucht etwa ihr Interesse an Tibet und dem Buddhismus Anfang der 1990er Jahre in den Tagebüchern auf, bevor diese Themen später auch Eingang in ihre Malereien finden.
Gerade bei Künstler:innen, deren Werk bislang nur wenig erforscht wurde, eröffnen solche Dokumente neue Perspektiven. Sie machen sichtbar, was hinter den Arbeiten liegt: Denkbewegungen, Umwege, Neubeginne und eben jene Geschichten, die sich zwischen den Werken, Dokumenten und einem gelebten Leben entfalten.
1 Tagebücher von Editha Tamms-Linnemann auf dem Fenstersims ihrer Wohnung in Berlin Schöneberg, 2026, Foto: Sarah Frost 2026
2 Editha Tamms-Linnemann, Reise ins verborgene Tal, Triptychon, 1994, Aquarell, Farbstift auf Leinwand, je 92 x 72 cm, Fotos: Mechthild Wilhelmi 2024
3 Editha Tamms-Linnemann, HUM The Wisdom of all the Buddhas, 2002, Aquarell, Farbstift auf Leinwand, 17 x 17 cm, Foto: Mechthild Wilhelmi 2024